Historisches

Rittergut Orr & Herrenhaus Orr

DSD Stand 10.02.2012

Pagenstecher-Zeichnung-Rittergut-OrrDie Geschichte des Gebietes um Haus Orr reicht bis ins 13. Jh. zurück. Erstmals urkundlich erwähnt, wurde das Gelände 1264 als „Urre“ bezeichnet. 1576 stritten der Kölner Erzbischof und der Herzog von Jülich Berg um die Landeshoheit des Territoriums. Nachweislich belegt durch die Eintragung in die Tranchotkarte von 1807/1808 und im Urkataster von 1818/1819, ist dem im 18. Jh. erbauten so genannten „Gärtnerhaus“ ein formal gestalteter Nutz- und Ziergarten zugeordnet.

 

Unter der Leitung des späteren Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner wurde im Jahre 1838 ein Herrenhaus für den Kölner Bankier Peter Daniel Koch gebaut. Es wurde eines der frühesten Beispiele neugotischer Profanarchitektur im Rheinland. Der dazugehörige Landschaftspark, der als eigenständiges Gartendenkmal in die Denkmalliste der Stadt Pulheim eingetragen wurde, entstand in seiner heutigen Gestalt vermutlich zwischen 1850 und 1890 von dem Gartenarchitekten Rosarius. Ein weiteres Dokument weist Lenné als Architekt der Parkanlage aus (1846 bis 1848). Es soll den Wunsch eines zu Wohlstand gekommenen Bürgertums nach romantischer Repräsentation mit einem gewissen verbleibenden Anteil an Funktionalität und künstlerischer Gestaltung charakterisieren. Abgerundet wurde dieses Bild noch durch die dem Herrenhaus umgebenden Hofanlagen: im nördlichen Bereich der Kriegshof, der Heinenhof und der Beyershof, im südlichen Gutsgebiet die Pletschmühle und der Altenhof. Die Pächter bewirtschafteten die Felder des Rittergutes. Der Heinenhof wurde bereits 1873 eigenständig. Vom Beyershof existiert heute nur noch die Scheune. Der Altenhof wurde abgerissen.

 

Das Herrenhaus, das auf einer angeschütteten Rampe an der Steilkante eines alten Rheinbettes errichtet wurde, ist ein zweigeschossiger Backsteinbau mit schlanken Ecktürmen, deren Zinnen betont über den Zinnenkranz der Fassade hinausragen. Das niedrige Walmdach lag zurückgesetzt. An der südwestlichen Gartenseite befindet sich ein Mittelrisalit, der die mittleren drei Achsen der insgesamt fünfachsigen Fassade umfasst. Die reichere Dekoration dieser Fassadenseite weist sie als Hauptansicht aus. Die gegenüberliegende Nordostfassade ist ebenfalls fünfachsig, während die südöstliche Front vier, und die Nordwestseite lediglich drei Achsen aufweist. Die Eingänge befinden sich in den Mittelachsen der Nordwest- und Nordostseite.

In der Blütezeit des Gebäudes zog sich ein niedriger Sandsteinsockel rings um das Gebäude herum.

Zwischen den beiden Geschossen verlief ein Sandsteingesims, das die Ecktürme nicht berührte und so als eigenständiges Zierelement erkennbar war. Andeutungsweise ist es im jetzigen Zustand an der gartenseitigen Fassade noch ablesbar. Ablesbar ist auch jetzt noch eine schmale Nut zwischen Fassadenfläche und Ecktürmen.

Der ehemals klare und zweckmäßig gehaltene Grundriss des Gebäudes konnte aufgrund älterer Skizzen rekonstruiert werden. Von der ehemaligen herrschaftlichen Nutzung mit Saal, Wohn- und Musikzimmer, Küche, Bäder, 5 Schlaf- und ein Gästezimmer ist nach dem langen Leerstand lediglich im Erdgeschoss durch die noch vorhandenen Trennwände die frühere Raumaufteilung erkennbar.

In einigen Bereichen sind noch originale Fußbodenbeläge erhalten geblieben. Im südöstlichen Bereich befindet sich ein Gewölbekeller, dessen Zugang von der Diele aus erfolgt. Gemauerte Gewölbedecken lassen sich auch im nicht unterkellerten Bereich nachweisen.

 

1887 erwarb der Elberfelder Werner Pagenstecher das Rittergut Orr von den Erben des Peter Daniel Kochs. Nach dem Tod Werner Pagenstechers im Jahre 1921 verkaufte seine Familie das Gut 1928 an die Gebrüder Lüngen aus Erkrath. Carl Pagenstecher wurde von 1923 bis 1945 Pächter von dem Kriegshof und dem Beyershof.

 

Seine Mutter wohnte bis 1928 in dem Herrenhaus. Bis zu dieser Zeit war das Anwesen gepflegt. Das Ende von Haus Orr begann mit dem Auszug der Familie Pagenstecher.

Bis zum Krieg stand das Gebäude länger Zeit leer. Danach wurde es zur Unterbringung von Offizieren her gerichtet.  Nach Kriegsende benutzten die Besatzungsmächte das Haus und die Parkanlage zur Einrichtung von Notunterkünften.
Unterschiedliche Bestrebungen von Vereinen, bürgerschaftliches Engagement und der Kommunalpolitik haben sich mit der Erhaltung  und unterschiedlicher Nutzungsmöglichkeit der Anlage Rittergut Haus Orr auseinander gesetzt. Alle Bemühungen kamen nicht zum Tragen. In den 80iger Jahren wurde innerhalb weniger Jahre viel Baumaterial vom Herrenhaus entwendet. 1982 zogen Hausbesetzer in das ehemalige Gärtnerhaus ein und renovierten es, bis ein Gerichtsurteil im März 1987 die Räumung erzwang. Mit der Eintragung in die Denkmalliste der Stadt Pulheim am 25.03.1985 sollte das Gebäude vor weiterem Verfall geschützt werden.
Die Eintragung der Parkanlage Orr erfolgte am 12. Dezember 2003. Im Rahmen einer Ersatzvornahme wurde 1986 das baufällige Dach und die Decke zwischen Erd- und 1. Obergeschoss entfernt. Innen- und Außenwände, die vom Einsturz bedroht waren, wurden gesichert. Dazu wurde u. a. unterhalb der Zinnen zur Stabilisierung ein Ringbalken eingezogen und der Zinnenkranz wurde fassadenseitig wieder aufgebaut. Seitdem sind die „Überreste“ des ehemaligen Rittergutes Orr der Witterung ausgesetzt.

 

Von besonderer Qualität sind die Fenstertüren und Fenster, die im Mittelrisalit eng zusammengerückt, mit profilierten Werksteinrahmen versehen waren. Die Fenstersockel des Obergeschosses im Bereich des Erkers haben gusseiserne Füllungen: jeweils zwei gerahmte Vierpässe. Besonders erwähnenswert sind die Oberlichter aller Fenster und Türen, die ein Maßwerk in Form von Andreaskreuzen aufwiesen. Nachdem die Erdgeschossfenster wegen Einbruchsgefahr zugemauert wurden, konnten noch einige Originalfensterteile gerettet werden. Wegen der starken Witterungseinflüsse, die diese Fenster jahrelang ausgesetzt waren, waren sie jedoch nur noch als Vorlage für die einzusetzenden Fenster zu nutzen.

Aufgrund von Quellen und Nachforschungen ist die Zuschreibung von Haus Orr an den Baumeister Zwirner mehr als wahrscheinlich. Ein Blick auf das in Einzelheiten eng verwandte Rathaus zu Kolberg in Pommern lässt die Verbindung zu. Die Ausführung des Schinkel-Entwurfes lag in den Händen seines Schülers Ernst Friedrich Zwirner. Die Grundsteinlegung erfolgte 1829. Bei seinem späteren Entwurf für das Rittergut Orr übernahm Zwirner charakteristische Merkmale des Kolberger Rathauses in sein Architekturkonzept für Haus Orr.

„Vor allem die Türme mit ihren Zinnen und die Zinnen der Gebäudeflügel erinnern auf den ersten Blick an Haus Orr, aber die Verwandtschaft lässt sich noch weiter verfolgen. Das Rathaus ist in jener neugotischen Bauart errichtet, die zwar im Einzelnen mittelalterliche Formen benutzt, sie aber in einem neuklassischen Sinne verwendet. Einzelne klar begrenzte Körper, wie Turm, Flügel, Hauptbau, sind in symmetrischer Ordnung aneinandergefügt; selbst in einem einzelnen  Flügelbau sind die Ecktürme und die Wandteile noch durch Einschnitte voneinander geschieden, so dass jeder Teil in seinem Einzelsein betont wird. Auch das sorgfältig, unverputzte Backsteinmauerwerk, dessen Ausführung am Kolberger Rathaus Schinkel so lobte, findet sich hier wieder. Neu eingeführt aber sind die gusseisernen Vierpassfüllungen der Fensterbrüstung. Zwar dominieren im Gesamtbild von Haus Orr, wie auch am Kolberger Rathaus, noch immer die Formen mittelalterlicher Profanarchitektur, insbesondere die Ecktürme und das Zinnenwerk, die dem Bau eine gewissen wehrhaften Ernst verleihen, doch in der Breitenlagerung des Gebäudes und in der klaren Abgrenzung von Flächen und Körpern ist die klassizistische Formgesinnung nicht zu übersehen. Wie sehr Haus Orr geprägt ist durch die Architektursprache Schinkels zeigt ein anderer Vergleich: mit Schloss Kurnik im Großherzogtum Posen, für dessen Umgestaltung Schinkel 1828 die Entwürfe zeichnete. Auch hier sind die in sich geschlossenen abgegrenzten Körper und Flächen und dazu dann die mittelalterlich Färbung durch Maßwerk, Ecktürme und Zinnen erkennbar. Die Eingangsfront von Schloss Kurnik war eines der Vorbilder für Schloss Moyland am Niederrhein, das von 1854 an durch Zwirner neu gestaltet wurde.

Von diesen Vergleichsbeispielen her gewinnt Haus Orr eine bislang unbekannte baugeschichtliche Bedeutung, nicht nur die Zuschreibung an Zwirner, sondern auch eine unmittelbare Verbindung zum Werk eines des größten deutschen Architekten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Karl Friedrich Schinkel.“

Quellen:

Wilfried Hansmann      Haus Orr in Pulheim und Schinkels Rathaus zu Kolberg

Petra Engelen              Der Park von Haus Orr bei Pulheim als Gartendenkmal

Rita Hombach              Der Landschaftsgarten von Haus Orr

 

 

Kommentare sind geschlossen.